Gastgeflüster#5 Vom Selbstmörder zum Lebensretter?

Stefan von www.stefan-lange.ch berichtet uns heute, ob er sich als Lebensretter sieht, obwohl er sich selbst das Leben nehmen wollte und welche Motivation hinter seiner öffentlichen Arbeit mit dem Thema steckt.

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Vom Selbstmörder zum Lebensretter?

 

Diese Frage wurde mir vor einigen Tagen von einer TV-Moderatorin im Schweizer Fernsehen gestellt, also ob ich mich als Lebensretter fühle.

Lebensretter, das klingt so gewaltig und heldenhaft. Meine Antwort auf die Frage war ein schlichtes »Nein«. Unter einer Lebensrettung stelle ich mir eine konkrete Situation vor. Eine Person treibt hilflos im Fluss und ein anderer springt mutig ins Wasser, um die Person an Land zu ziehen. Oder jemand spendet Stammzellen und erfährt, dass dadurch eine schwere Krankheit besiegt worden ist, und damit auch ein Leben gerettet wurde.

Bei YouTube gibt es einen Kanal, der sich auf Biographie-Serien spezialisiert hat, ZQNCE (gesprochen Sequence). In der ersten Serie mit dem Titel »Shore, Stein, Papier« berichtet ein ehemals Drogensüchtiger aus seinem Leben mit Drogen, Knast und Rückfällen. In 380 Folgen erzählt eine Person, die sich $ick nennt seine Lebensgeschichte. Das Set-up ist einfach: $ick sitzt an einem Küchentisch und zwei Kameras zeichnen seine Worte auf. Durch diese einfache Anordnung rückt der Protagonist in den Vordergrund. Darum geht es den Machern bei ZQNCE.

Die zweite Biographie-Serie mit dem Titel »Komm, lieber Tod« handelt von meinem Leben mit Depressionen und Todessehnsüchten. In 60 Folgen mit einer Gesamtspielzeit von knapp 8 Stunden lasse ich meinen Erlebnissen und Gedanken freien Lauf. Ich erzähle davon, wie ich schon als Kind lieber einschlafen und nicht mehr aufwachen, oder in einer anderen, besseren Welt aufwachen wollte. Ich erzähle, wie in mir das Programm Selbstzerstörung gestartet wurde und wie euphorisch ich beim Versuch war. Das klingt schizophren, aber die schwere Depression, in der ich mich damals befand, rief einen paradoxen Effekt hervor. Als ich die Entscheidung getroffen hatte, mir das Leben zu nehmen, fühlte ich mich plötzlich befreit und ruhig. Den Versuch habe ich überlebt, leider – so dachte ich damals und heute bin ich glücklich, am Leben zu sein.

Das Thema Suizid ist absolut tabuisiert und die Medien scheuen es aus Angst vor dem Nachahmereffekt, genannt Werther-Effekt, da sie der Meinung sind, Berichte über Suizid können andere Betroffene in ähnlicher Situation zum Selbstmord anregen. Da ist sicher etwas dran, aber es gibt auch einen gegenteiligen Effekt. Wenn man über Menschen berichtet, die Krisen gemeistert haben, dann animiert das Betroffene sich Hilfe zu suchen. Dieser Effekt heißt Papageno-Effekt, angelehnt an die Figur aus Mozarts Zauberflöte, die sich das Leben nehmen wollte, aber schließlich gerettet wurde. Und wenn die Medien nicht darüber berichten wollen, dann macht man es eben selbst. Im Zeitalter von sozialen Netzwerken ist es einfach, eigene Programme zu kreieren.

Die Reaktionen auf meine Biographie-Serie waren zahlreich und sehr berührend. Unter den fast 500 Nachrichten und E-Mails waren mehrere Zuschauer, die mir sagten, dass sie nach der Serie von ihrem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, Abstand genommen haben. Das berührt mich sehr! Und genau das war das Ziel des YouTube-Kanals ZQNCE: Ohne Tabus aufklären und einen gesellschaftlichen Beitrag zur Entstigmatisierung zu leisten.

Trotz dieser Reaktionen fühle ich mich nicht als Lebensretter. Ich habe anderen einen Gedankenanstoß geliefert. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Personen den Mut und die Kraft finden, nun ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, denn das eigene Leben muss man selbst retten, selbst wenn es anfangs nur mit professioneller Unterstützung geht. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe.

Lebensretter? Nein, aber glücklich, andere Leben erreicht zu haben!

2 Kommentare zu „Gastgeflüster#5 Vom Selbstmörder zum Lebensretter?

  1. Die Serie habe ich mir noch nicht angesehen, aber ich finde auch, dass das Thema Suizid zu stark zum Tabu gemacht wird in unserer Gesellschaft. Es ist nunmal wichtig auch gerade über solche Themen zu reden. Daher fand ich deine Stellungnahme zum Werther-Effekt und zum Papageno-Effekt so passend und interessant!
    LG Scarlet

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